Leitner Genähte Bilder, Main Image

Genähte Bilder

Gudrun Leitner arbeitet seit elf Jahren daran, Bilder aus Baumwollstoffen zu erstellen. Die vorgegebene Farbe und Struktur der Baumwollstoffe, das Applizieren der Stoffflächen sowie das Umranden jeder Stoffkante mit dem Nähgarn ergibt ein leichtes Relief, eine leichte räumliche Wirkung, eine intensive Klarheit: eine neue Darstellung von Bildern.


Seit wann beschäftigst Du Dich damit, Bilder bzw. vielmehr Bildwelten aus Stoffen zu realisieren? Womit hat Deine Arbeit angefangen?

Ich habe eine Modeschule in Österreich besucht. Dort lernte ich zu Anfang die Applikation. Das hat sich eingeprägt und kam gut 15 Jahre später wieder zum Vorschein. In einem Kindermuseum, beobachtete ich Kinder beim Ausschneiden von Stoffflächen. Sie klebten anschließend die Stoffe aufeinander und so entstand ein Muster und in mir das erste Mal der Gedanke, das aus Stoff nicht nur Hosen, Taschen oder Kissen entstehen können, sondern vielleicht auch ein Bild, eben mit der Technik der Applikation.

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Das heisst, es gab einen Schlüsselmoment? Wann hast Du angefangen Dich als Künstlerin zu definieren?

Zu Anfang suchte ich mir ein Motiv, möglichst einfach in Form und Farbe. So kam ich auf das Foto der Kuh Alma, welches ich schoss, als ich vom elterlichen Bauernhof in Kärnten auszog. Die Farben schwarz und weiß für die Kuh und das Hellgrün der Wiese sowie das Dunkelgrün vom Wald erschienen mir einfach genug, um daraus ein Bild aus Stoff zu nähen. Seitdem drehten sich meine Gedanken um die Entwicklung und Bearbeitung von Bildern mit textilen Mitteln. Gut fünf Jahre später, kam der Gedanke in mir auf, dass ich meine Bilder auch ausstellen möchte und ich habe drei meiner ersten Porträts bei der Handwerkskammer Berlin für den Wettbewerb „Landespreis Gestaltetes Handwerk“ beworben. Ich kam unter die ersten Fünfzig, doch weiter ging es nicht. Das war dann aber der Moment indem ich realisiert habe, dass ist kein Handwerk, keine Schneiderei, sondern Kunst. Ich produziere, bearbeite Bilder, so wie ich sie mir vorstelle, ohne Kompromisse.

Wie lange hat es gedauert, bis Du das erste Werk fertig gestellt hast?

Ich habe mit dem Motiv der Kuh Alma angefangen. Zuerst habe ich die vier bestehenden Farben auf das einfachste reduziert und dann angefangen sie so oft wie möglich zu mischen. Es entstand ein Bild aus 24 Bildern im A4-Format mit immer dem selben Motiv. 
Dann fing ich an, das nächste Bild der Kuh, mosaikartig auseinander zu legen, die bestehenden Farben auszutauschen, um dann im nächsten Bild nur mehr die schwarzen Flächen zu spiegeln. Es ging darum auszuprobieren, was mit dem Material Stoff überhaupt möglich ist. Das war ein Prozess von fünf Jahren.


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Wie hast Du Deinen Arbeitsprozess entwickelt? Ist es immer dasselbe Prinzip nach dem Du bei der Produktion eines Werkes vorgehst?

Der Arbeitsprozess ist deshalb spannend für mich, weil ich diesen Prozess von null begonnen habe. Ich bin durch Zufall darauf gekommen, und ich konnte mich demzufolge auch nicht austauschen. Ich habe zuerst geschaut, was ist möglich mit dem Material Stoff, da bin ich noch nicht auf die Idee gekommen, dass es vielleicht auch einmal Porträts oder Landschaften werden können. Zunächst war es nur das Ausprobieren von Stoffschichten, das Mischen der vorgegebenen Farben der Stoffe und das Finden des passenden Nähgarns, wie das der Firma ALTERFIL. Mit den Porträts kam die Frage auf, wie groß können die Bilder werden? Es interessierte mich, wie man einen Bart oder Haare nähen kann, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Vieles habe ich bereits herausgefunden und in manchen befinde ich mich noch immer im Findungsprozess und im Ausreizen der Möglichkeiten.

Wie sieht es denn mit den Motiven aus? Was ist Dir wichtig bei der Auswahl der Motive?

Ich arbeite fast ausschließlich mit meinen eigenen Fotos, doch es ist auch oft abhängig von dem Thema das ich bearbeiten will oder der Person, mit der ich zusammenarbeite. In den meisten Fällen sind es Bilder, mit denen ich emotional verbunden bin, die mich bewegen. So auch meine letzte Serie von Porträts. Es sind Fotos von dem österreichischen Photographen Manfred Klimek. Ihm gefiel die Art, wie ich Photos auf den Stoff bringe und er hat mir angeboten, seine Originalfotos als Fundus zu benutzen. Mir gefiel der Gedanke. Ich habe mir bewusst Personen ausgesucht, die ich nicht kannte, mit denen ich nichts verband, mich aber doch durch den Ausdruck in ihrem Gesicht, dem Glanz ihrer Augen, ihren tiefen Falten, in den Bann gezogen haben. Erst nach der Fertigstellung der Bilder habe ich mich nach den Namen der Personen erkundigt. Es sind starke Vorbilder und waren faszinierende Menschen. Sie haben bewegende Lebensgeschichten und ich bin froh, dass sie auf diese Weise in mein Leben getreten sind.

Wie wichtig war es für Dich solche Motive zu wählen, die nicht unmittelbar mit dem Handwerk des Nähen's verbunden sind?

Ich habe ja vorher keine Ahnung gehabt. Ich nähe seit meinem 14-ten Lebensjahr und bis vor zehn Jahren hatte ich keine Ahnung von Kunst mit textilen Mitteln. Ich bin mittlerweile beeindruckt von der Vielfalt und überrascht über den Ruf der Textilkünstler im Bereich der Kunst. Es ging mir nie um das Handwerk,  die Nähmaschine ist nur Mittel zum Zweck. Ich arbeite gerne eigenständig und selbstbestimmt und das kann ich eben auch sehr gut in meinen Bildern zum Ausdruck bringen. Es geht nicht darum die Erwartungen anderer zu erfüllen, sondern einzig und allein darum, dass ich meinen Kopf, meine Gedanken durch- und umsetze, die Dinge in Motiv, Art, Größe und Form so gestalten kann, wie ich es mir vorstelle, ohne Kompromisse.

Nähen ist etwas, das immer noch stark mit typischer Frauenarbeit assoziiert wird. Wie stehst Du dazu? Machst Du bestimmte Dinge bewusst, um zu vermeiden in diese Ecke gedrängt zu werden?

Im Nachhinein würde ich immer sagen, ja. Aber tatsächlich ist es eine Entwicklung. Kleine Formate z.B. reizen mich nicht, für mich ist es interessanter das Große sehen. Wenn ich z.B. das Auge eines Porträtierten nehme, dann möchte ich das Auge gross sehen, weil mich die Weite und die Wirkung interessiert, wie sind die Farbkompositionen hier, wie ist der Eindruck des genähten Auges, die Spiegelung darin? Ich gebe aber auch parallel Nähkurse und da kann ich für meinen Teil sagen, dass das Thema des Nähen's als  “Frauenarbeit” sich sehr geändert hat. Ich habe Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Meist ist es der Wunsch, seine Kleidung selbst herzustellen und selbst zu bestimmen, welches Motiv, Farbe oder Schnitt will ich tragen, passen zu mir. Es ist ein selbstbewusstes und selbstbestimmtes Publikum. Es geht nicht um die Notwendigkeit, sondern um die persönliche Note, die individuelle Wahrnehmung.

Wie lange brauchst Du, um solch eine Arbeit anzufertigen?

Im Schnitt vier Monate. Die größte Herausforderung war das Bild Gerald. Es ist 2,60 m lang und 1,50 m hoch. Ich habe daran ein halbes Jahr gearbeitet bei einem Stundenumfang von mindestens sechs Stunden täglich, teilweise am Wochenende auch 12 Stunden.

Hat die Farbe eine Bedeutung in Deinen Werken? Entscheidest Du Dich bewusst für bestimmte Farben?

Tatsächlich arbeite ich sehr gern mit Farbe und benutze auch viel Farbe in meinem Werken. Dabei versuche ich es auch immer ein wenig zu überspitzen. Ich möchte es gern grell und bunt haben. Es ist mir immer wichtig, dass es zum Nachdenken anregt, dass mich die Arbeiten, die ich mache, emotional berühren. Ich mag nicht so gern, wenn die Dinge unangenehm werden. Jetzt z.B. bei meiner neuen Serie, da versuche ich sehr viel in Schwarz-Weiss zu machen, was ein ganz anderes Arbeiten ist. Wenn ich drei vier Monate an schwarz-weiss sitze, dann merke ich, dass mein Gemüt darunter leidet. Die Farbe bringt auch andere Energie, und ich mag gern klare und offene Farben.

www.gudrunleitner.com 

Text und Interview: Berenika Partum

Berenika Partum studierte Kunstgeschichte und Geschichte an der Freien Universität Berlin und Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Sie arbeitet bei internationalen Ausstellungen als Koordinatorin und Künstlerassistentin und war Projektmanagerin im Bereich Neuer Medien. Seit vielen Jahren ist sie auch als freie Publizistin und Kuratorin tätig.

Alle Fotos beigestellt.

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