Arid Collection 3D printed Skirt and Choker
Arid Collection: Digital Vogue Between Synthetic and Organic Processes by Julia Koerner, JK-Design, Foto © Ger Ger 2020

Julia Körner: Ein Kleid ist für mich Architektur im kleinsten Maßstab

Die Architektin und Designerin Julia Körner möchte 3D-gedruckte Mode tragbar machen. Derzeit arbeitet sie mit einer Methode, in der 3D-Druck direkt auf Stoff aufgebracht wird. Als eine der ausgezeichneten Künstler*innen der ersten Runde von Re-FREAM, trug sie dazu bei, die Technologie marktfähig zu machen. Das Making-of und Ergebnis dieses Forschungsprojektes wurde anlässlich der ARS Electronica 2020 in einem Zoom Webinar präsentiert.

Julia Körner ist eine der wenigen weltweit, die 3D-Design auf die Mode anwenden können. Ihre großen Erfolge brachten ihr kürzlich den Titel Architecture’s Queen of 3D Fabrication ein. Im Interview spricht die in Los Angeles lebende Salzburgerin über ihren Werdegang und ihren Zugang zur Mode.

Du hast viel erreicht, in den vergangenen Jahren. Um nur einige Höhepunkte zu nennen: deine Arbeiten wurden in Ausstellungen renommierter europäischer und amerikanischer Museen gezeigt, ein Kostümbild, an dem du mitgewirkt hast, hat einen Oscar erhalten und am 8. Februar 2020 wurde deine Arbeit auch in Japan gewürdigt - mit dem World Omosiroi Award. Gibt es bestimmte Dinge, die du noch gerne erreichen möchtest?

Ich möchte das 3D-Design weiterentwickeln und sehen, wie es mit entsprechenden Technologien tatsächlich in unser urbanes Leben integriert werden kann. Es gibt viel Potenzial für den 3D Druck in der Mode - und auch die Skalierbarkeit wäre gegeben.

Aber ich finde den 3D-Druck auch im größeren Maßstab spannend. Gerade arbeite ich an zwei großen Skulpturen, die ab Frühjahr 2020 zwei Jahre hier in Los Angeles ausgestellt werden. Das werden meine ersten Designs im öffentlichen Raum sein!

Julia Koerner Portrait by Ger Ger

Portrait Julia Koerner © Ger Ger

Im Rückblick: Du hast in Wien und in London studiert und unterrichtest an der University of California in Los Angeles (UCLA) Architektur. Was war – in deiner Wahrnehmung - das Spezifische an den einzelnen Ausbildungsorten?

Jeder dieser Ausbildungsorte war ein wichtiger Meilenstein in meinem Leben.
2005, als ich an der Technischen Universität Wien Architektur studierte, sah ich bei einer Ausstellung in Basel das Embryological House von Greg Lynn. Das hat mich dazu bewegt, an die Universität für Angewandte Kunst zu Professor Lynn zu wechseln. Dort lehrten damals auch Wolf Prix (Coop Himmelblau) und Zaha Hadid (Zaha Hadid Architects). Es war großartig, von so inspirierenden Persönlichkeiten unterrichtet zu werden. Diese Zeit hatte auch deshalb einen großen Einfluss auf meine Karriere, weil ich an der Angwandten zum ersten Mal mit einem 3D-Drucker experimentieren konnte.

2006 war der berühmte Architekt Mark Foster Gage in der Jury eines Wettbewerbs. Er war von meinen Arbeiten so begeistert, dass er mich für ein Praktikum nach New York einlud. Ähnlich war es auch 2007 mit dem Designer Ross Lovegrove, der mich für ein Praktikum nach London holte. Er begeisterte mich für Produktdesign und hat mich sehr gefördert. Nach meinem Studium in Wien habe ich drei Jahre bei ihm gearbeitet.

Auf die Architectural Association in London wurde ich 2011 während meines MAK Schindler Stipendiums in Los Angeles aufmerksam. Ich wollte dort das Programmieren von Geometrien lernen und vertiefte mein Wissen in computergeneriertem Design im Studienzweig Emergent Technologies and Design. Die Architectural Association ist eine der renommiertesten Architektur-Universitäten in Europa.

Greg Lynn hat mich dann 2012 als seine Assistentin an das Architektur-Institut der UCLA geholt. Inzwischen habe ich dort meine eigenen Vorlesungen und Design Studios.

Was waren die ersten Berührungspunkte mit Mode – und was waren deine ersten Modeprojekte?

Meine Mutter ist Biologin und hat meine Faszination für die Natur und die Anatomie von Körpern schon früh geweckt.
In meiner Diplomarbeit an der Universität für Angewandte Kunst, habe ich mich im Architekturentwurf Super Human Enticement für ein Biomechatronic Research Center mit dem Paradigmenwechsel von Prothesen beschäftigt. Inspiriert von der beinamputierten Leichtathletin und Schauspielerin Aimee Mullins, die ihren körperlichen Nachteil zum Vorteil machte. Sie trug bei der Givenchy Show Sommer 1999, die Alexander McQueen designt hatte, bizarre handgeschnitzte Holzstiefel und war darin das größte Model.
Außerdem gab es an der Angewandten viel Austausch zwischen Mode (Klasse Raf Simons) und Architektur. Die Klassen waren nur ein Stockwerk voneinander entfernt. Während wir Architekten digital Schuhe für die Modestudenten fertigten, bekamen wir Hilfe beim Nähen von Zeltstrukturen für einen Entwurf für Red Bull.

Bei Ross Lovegrove in London lernte ich, wie man Prozesse aus der Architektur auf Produkte anwenden kann. Damals entstanden meine ersten Schuh- und Accessoiredesigns und ich arbeitete sehr viel mit 3D-Druck.

2012 wurde die niederländische Modedesignerin Iris van Herpen auf mich aufmerksam, weil ich eine der wenigen Menschen bin, die auf 3D-Druck spezialisiert sind und viel darüber wissen. Das belgische 3D-Druck Unternehmen Materialise hatte den Kontakt hergestellt. Das war der Auftakt für eine längere Zusammenarbeit, in der wir Kleider kreierten, die sie zu den Haute Couture Shows in Paris zeigte: Hybrid Holism dress (2012), Voltage dress (2013) und Bioparcy dress (2014).

Unter meinem eigenen Label JK Design brachte ich 2015 die erste Kollektion heraus, die unter dem Titel Sporophyte lief. Im selben Jahr folgte der Auftrag vom Pariser Maison Lesage, das für Chanel Dekorationen kreiert.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Modehäusern?

Das war immer eine Fernzusammenarbeit, in der ich die Designs entweder in London oder Los Angeles kreiert habe. Meist basierten meine 3D-Entwürfe auf einer 2D Collage (Frontalansicht) welche Iris aus meinen 3D-Strukturen zusammensetzte. Ich entwickelte dann die Designs aufwändigst über mehrere Monate in 3D am Computer. Es gab viel Austausch über Skype zwischen Iris, mir und den Ingenieuren der 3D Druck Firma.

Ich nehme die Modewelt als sehr spannend wahr und sehe darin viele Möglichkeiten, empfinde sie aber auch als highly competitive und ganz anders als die Architekturwelt. Architekten denken sehr in Teamarbeit das heißt, das Individuum trägt mit seinem Wissen zu einer holistischen Idee bei. In der Modeindustrie ist das ganz anders.

Klassische Modedesigner arbeiten mit Moodboards und Skizzen - wie gehst du an einen Entwurf im 3D-Druck heran?

Ich beziehe meine Inspirationen aus der Natur. Deshalb sehen viele Designs sehr verschlungen und organisch aus. Das Venus Kleid, das ich 2016 entworfen habe, ist zum Beispiel eine Visualisierung des Venus Flower Basket, ein Tiefseeschwamm, den man in den Ozeanen findet. Er baut seine Struktur auf, indem er in die Richtung des Lichts wächst und dabei nur soviel Material einsetzt, wie notwendig. So entstehen die einzigartigen Strukturen und Muster, die ich in meinem Design imitiert habe.

The Venus dress by Julia Koerner

Venus Dress by Julia Körner 2016 © Sophie Kirchner

Ich scanne die Naturlemente mit einem 3D-Scanner, designe die Geometrien und entwickle dann die Morphologien und Strukturstudien. Beides mache ich  am Computer. Dabei nutze ich spezielle Computerprogramme, mit denen ich um einen virtuellen Körper modelliere, oder die Designs programmiere. Abschließend exportiere ich die digitalen Daten und schicke sie an den Drucker.

Bestimmt das Design die Technik, oder ist es eher die Technik, die das Design bestimmt?

Es ist eine Symbiose aus beidem - eine Synergie aus organischen und synthetischen Prozessen.

Dass man nur einen Knopf drücken muss und die Maschine das 3D-File generiert, ist ein Mythos, den ich widerlegen möchte. Es steckt sehr viel Arbeit hinter meinen 3D gedruckten Designs. Bei manchen Entwürfen dauert die Entwicklung mehrere Monate. Änderungen an den digitalen Daten können jedoch leicht vor dem Druck vorgenommen werden.

Meist entscheide ich am Anfang, welche Technologie und welches Material ich verwende. Das Design wird dann so entwickelt, dass es dem maschinellen Prozess entspricht. Dabei versuche ich immer innovativ an das Design heranzugehen und an der Schnittstelle von Kunst und Funktion zu arbeiten. Jede digitale Fertigungsmethode und Technologie hat ihre eigenen Herausforderungen.

Je nach Technologie dauert der 3D-Druck einige Stunden oder mehrere Tage. Dann kommt das Produkt entweder schon als fertiges dreidimensionales Objekt aus dem 3D Drucker oder es wird in Teilen gedruckt und dann zusammengenäht.

Im Unterschied zu anderen Künstlern, die sich mit 3D-Druck von Kleidung  befassen, bist du anwendungsorientierter; egal ob du für Modehäuser in Paris oder für Filmproduktionen in Hollywood arbeitest. Unlängst warst du die erste, die ein Design für eine 3D-Drucktechnik auf Stoff entwickelt hat. Wie konntest du diese Nähe zur Mode entwickeln?

Meine Grossmutter ist Schneiderin und ich habe als Kind immer mit ihr genäht. Eine Zeit lang wollte ich auch Mode studieren, habe mich dann aber für Architektur entschieden. Heute weiß ich, dass ich mit einem Modestudium wahrscheinlich nicht soweit gekommen wäre. Früher haben Modedesigner*innen in ihrer Ausbildung wenig über 3D-Druck gelernt. Deshalb fehlt heute den meisten das Wissen, wie man am Computer designen kann und ein dreidimensionales File erstellt. Daher sind die meisten 3D gedruckten Modedesigns von Architekt*innen designed.

Das dreidimensionale Vorstellungsvermögen und das iterative Gestalten sind eine wichtige Grundlage meiner Designs. Ich sehe mich selbst auch nicht als Künstlerin sondern als Designerin in unterschiedlichen Maßstäben. Egal ob ich ein Gebäude oder ein Kleidungsstück designe, ich verwende dieselbe Herangehensweise und dieselben Computerprogramme. Ein Kleid ist für mich Architektur im kleinsten Maßstab - die Hülle, die den Körper direkt umgibt.

Julia Koerner Setae-Jacket Chro Morpho Collection Stratasys

Setae Jacket für die Chro-Morpho Collection von Stratasys, Fotos © Ger Ger

Julia Koerner Setae Jacket Chro Morpho Collection Stratasysphy

Die 3D-Drucktechnik auf Stoff ist auch Teil deines Beitrags zum EU-Projekt Re-Fream, bei dem es um ein Neudenken von Produktionsmethoden, Design und Funktionen von Mode geht. Kannst du uns einen kleinen Einblick in deine Arbeit geben?

Im Projekt Re-Fream wird in drei Innovation Hubs in Berlin, Linz und Valencia an wichtigen Fragestellungen der Mode der Zukunft gearbeitet: Nachhaltigkeit, additive Fertigung sowie die Integration digitaler Wearables. Das Projekt ermöglicht innovativen Künstlern und Designern, gemeinsam mit Technologiepartnern, bestehende Technologien weiterzuentwickeln und neue Technologien auszuprobieren. Außerdem fördert es die Vernetzung von Technologieanbietern, Unternehmen, Kreativ- und Kunstzentren sowie Produktionsstätten.

Meine Technologiepartner in diesem Projekt sind Stratasys, Haratech, Profactor und mein Beratungspartner, die Abteilung für Mode und Technologie an der Universität für Kunst und Design in Linz. Mit Stratasys habe ich schon vorher zusammengearbeitet.

Dem Re-Fream Projekt Digital Vogue - From 2D to 3D ging ein Pilotprojekt voraus - die Setae-Jacket für die Chro-Morpho Collection von Stratasys. Die 3D-gedruckte Jacke ist inspiriert von der Geometrie und Einzigartigkeit des Madagascan Sunset Schmetterlings. Besonders daran ist, dass wir zum ersten Mal direkt auf Stoff gedruckt haben - mit dem Drucksystem Stratasys J750 TM 3D.
Bis jetzt wurden diese Kleidungsstücke entweder vollständig 3D gedruckt oder erst nach dem Druck mit Stoffen zusammengesetzt. Die neue Technologie führt 3D-Druck in eine neue Dimension – in Bezug auf Tragbarkeit, Funktionalität und Farbästhetik. Während geschmeidiger, weicher Stoff die Haut berührt, schafft der darauf applizierte 3D-Druck eine Illusion aus Farbvielfalt, Leuchtkraft und dreidimensionaler Ästhetik, die den Designs eine gewisse Lebendigkeit verleiht.

Im Projekt Re-Fream versuchen wir diese neue Technologie weiterzuentwickeln und an ökonomischen Herstellungsmethoden zu arbeiten. Siehe Blog Eintrag RE-Fream link für Details

ARID COLLECTION 2020: 
Digital Vogue Between Organic and Synthetic Processes | JK3D 
Designed by JULIA KOERNER | JK Design

3D-Druck wurde bisher vorwiegend für spektakuläre Kreationen genutzt, wie dies etwa die Position von Iris van Herpen zeigt. Ist die 3D-Drucktechnik auf Stoff ein erster Schritt in Richtung einer alltagstauglichen Anwendung?

Ich möchte hier anmerken, dass die meisten 3D gedruckten Designs von Iris van Herpen in Zusammenarbeit mit mir designt und entwickelt wurden oder in Kollaborationen mit anderen Architekten. Die Haute Couture ist mit Sicherheit eine großartige Plattform um progressive Technologien auf den Laufstegen und in Museen zu zeigen. Mir persönlich war es aber immer schon ein Anliegen zu erforschen, wie sich das Material verhält und wie man mit 3D-Druck stoffartig designen kann. Aber dafür war in der schnelllebigen Modewelt leider nie die Zeit.

Auf alle Fälle ist die Kombination von 3D-Druck mit Stoff der erste Schritt zur Tragbarkeit. Das haben schon meine Designs aus der Island Kollektion 2017 gezeigt. Es war ein großer Moment für uns, als der 3D-Druck auf Stoff zum ersten Mal auf unserem Studio 3D-Drucker gelang. Mit meinem eigenen Label JK Design, möchte ich 3D gedruckte Mode tragbarer machen.

Wie sieht die Zukunft der Modeindustrie aus der Perspektive von Julia Körner aus? Und welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in dieser Perspektive?

Wir müssen eine Möglichkeit finden, bewusster und nachhaltiger zu produzieren, um unsere Umwelt zu schonen. Gerade in der Modeindustrie sehe ich hier Potenzial zur Veränderung. Als additives Verfahren, in dem es keinen Abfall gibt, ist der 3D-Druck besonders zukunftsweisend. Es wird nur soviel Material verwendet, wie gebraucht wird. Als Druckmaterial kann man auch recyceltes Plastik oder biologisch abbaubare Materialien verwenden.
Die Technologie könnte auch den Kleiderversand überflüssig machen: Das digitale File kann global versendet und die Kleidungsstücke lokal gedruckt werden. Jedes Design kann individuell - mit Hilfe eines 3D-Body-Scans – angepasst werden. Das wäre das Ende von Größen wie Small, Medium und Large.

Julia Körner / JK Design
Instagram @koernerjulia

Das Interview führte Hildegard Suntinger (15.09.2020)

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