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Buch-Cover: Critique of Creativity Precarity, Subjectivity and Resistance in the ‘Creative Industries’ Gerald Raunig, Gene Ray and Ulf Wuggenig (eds) London: mayfly 2011, 234 pages

Critique of Creativity

Über die Kreativität in Zeiten der Kreativwirtschaft

Die Bedeutungen des Begriffs "Kreativität" entstehen im zeitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang. Dass Kreativität ausgerechnet mit Wirtschaft zum Wort "Kreativwirtschaft" zusammengefunden hat, hätte man vor wenigen Jahrzehnten noch als verwerflich empfunden. Heute stehen die "Creative Industries" für die vorerst letzte Einbindung des Begriffs in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem.

Der Frage was Kreativität und die Kritik an Kreativität heute bedeuten, sind die Herausgeber des Bandes "Critique of Creativity. Precarity, Subjectivity and Resistance in the 'Creative Industries'" auf die Spur gegangen.

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Verschiedene Autoren erörtern in diesem Sammelband eine Problematisierung des Begriffs "Kreativität" und untersuchen den institutionellen und politischen Umgang mit ihm. Im künstlerischen Bereich werden so zwar längst neue Anforderungen an die Kreativität der KünstlerInnen gestellt, dennoch bleibt der Blick auf das Selbst meist getrübt: Noch in der Tradition der Genieästhetik verhaftet, dient der Begriff der "Kreativität" der Definition von wahrhaft schöpferischen Akteuren, die in der Lage sind, Innovationen zu generieren und durchzusetzen. Diesem romantischen und romantisierten Begriff steht der heute umso mehr notwendige Geschäftssinn gegenüber, denn Künstler die aufstreben wollen, gibt es täglich mehr und scheinbar an jeder Ecke.

Es gilt das alte Credo: Es setzt sich durch, wer Biss hat und sich vermarktet. Ob es nicht endlich Zeit für neue Begriffe und Vorstellungen über das Künstlerdasein und die Kreativität ist, hat AUSTRIANFASHION.NET in einer Wiener Gastwirtschaft bei dem Philosophen Stefan Nowotny nachgefragt, der für den Band einen Essay mit dem Titel "Immanent Effects: Notes on Cre- activity" beigesteuert hat.

Bringt die Kreativwirtschaft die Kreativität um?

Wenn es um die Kreativität im Sinne eines alten, mit bestimmten Vorstellungen der modernen Ästhetik verknüpften Geniebegriffs geht, dann muss man diese Frage wahrscheinlich mit "Ja" beantworten. Die Entfaltung von Kreativität ist ja keine naturwüchsige Konstante, sondern immer an gesellschaftliche, politische, ökonomische Bedingungen gebunden, in denen sie stattfindet. Also kann eine historisch gewordene Gestalt der Kreativität durchaus "umgebracht" werden und an ihrer Stelle eventuell eine neue entstehen. Umso wichtiger wird aber die Frage: Geht es in der Kreativwirtschaft überhaupt primär um die Förderung von Kreativität? Oder geht es vielmehr um eine verstärkte Einbeziehung kreativer Tätigkeiten in ökonomische Verwertungsketten – mit allen Konsequenzen, wie etwa dass diese Tätigkeiten sich an einer marktförmigen Logik der Nachfrage orientieren müssen? Nicht dass das ältere Modell einer Subventionskultur nicht seine eigenen Probleme hätte. Aber es ist immerhin mit dem Wissen verbunden, dass oft gerade auch Minoritäres unterstützt werden muss, damit es sich entfalten kann und Raum findet.


Brauchen Institutionen wie Förderstellen "kreative Menschen" oder sollten sie besser fern gehalten werden, damit Politik und Kunst getrennte Wege gehen?

Es erscheint mir grundsätzlich sinnvoll, dass es politische Entscheidungsprozesse gibt, die Kunstverständige einbeziehen, denn diese sind auch imstande, die Situation von Kulturproduzenten zu reflektieren. Gleichzeitig ist auch das kein Patentrezept gegen die Gefahr, dass sich in diesen Institutionen eine Blindheit gegenüber dem Neuen und Innovativen entwickelt. Die Modalitäten von Förderverfahren müssen immer wieder neu ausgehandelt werden. Es kann weder um eine – erst recht wieder – Bürokratie von Experten noch um eine Entkoppelung von Kunst und Politik gehen, sondern um eine immer wieder neue Verhandlung der Spannungen zwischen beiden.


Gleichzeitig hat man aber doch auch das Gefühl, dass junge Menschen bildungspolitisch an der Nase herum geführt werden, denn zahlreiche Modeschulen als Institutionen bundesweit fördern zu viele potentielle Arbeitssuchende für einen kleinen Staat mit beschränkter Modeindustrie zutage?

Breiter betrachtet, haben solche Phänomene auch mit dem zu tun, was man die kognitiven und affektiven Züge des Kapitalismus unserer Zeit genannt hat: Die klassische industrielle Produktion ist in so genannte Billiglohnländer ausgelagert; in den vormaligen Industriestaaten wird auf die Produktion von Ideen und Gestaltungskonzepten gesetzt, und das Ganze korrespondiert mit den Hoffnungen junger europäischer "Kreativer", die sich "ausdrücken" wollen. Dass sich diese Hoffnungen bei weitem nicht immer und für alle erfüllen, steht auf einem anderen Blatt. Und ebenso, dass sich bei jenen, bei denen sie sich nicht erfüllen, die Bereitschaft erhöht, sich auch unter schlechten existenzökonomischen Bedingungen "auszudrücken": dass sie also ihrerseits zu vergleichsweise billigen Leistungsträgern im Sinne neoliberaler Wirtschaftssysteme werden.


Wie meistert das Individuum mental so ein Leben, denn die Meisten die diese zumeist notorisch schlecht bezahlten Jobs aufnehmen, wollen möglichst bald ganz groß rauskommen?

Arbeitnehmer der Creative Industries müssen natürlich wissen, auf was sie sich einlassen, und gleichzeitig beschäftigt sie in Bezug auf ihren Lebenstraum oft die Frage: "Wird sich das für mich ausgehen?". Diese Frage begleitet den Einzelnen, während er sich über Wasser zu halten und Fuß zu fassen versucht. Drei, fünf, zehn Jahre lang, manchmal noch länger - das ist natürlich eine Frage des Durchhaltevermögens. Die Frage sollte aber meines Erachtens nicht nur die sein, wie Individuen das meistern, sondern wie sich sozial damit umgehen lässt. Ich denke, dass es wichtig ist, mehr darüber zu nachzudenken, was mit den Aufrufen und Selbstaufforderungen zum kreativen Selbstausdruck alles einhergeht. Immerhin sprechen wir über Lebenssituationen, die von vielen geteilt werden – die aber von vielen einander zu wenig mitgeteilt werden. Die Imperative des Selbstausdrucks werden auch dahingehend wirksam, dass man einander lieber ständig von den spannenden Projekten erzählt, an denen man gerade arbeitet, als von den Anstrengungen und Zumutungen, die man auf sich nimmt, um überhaupt an ihnen arbeiten zu können.


Wie soll das gehen?

Es gibt in bestimmten Bereichen Beispiele dafür, wie sich kulturelle Institutionen und Interessenvertretungen als Foren für einen solchen Austausch anbieten und auch sozialpolitisch positionieren: Ich denke da in Österreich z. B. an die IG Bildende Kunst, die IG Kultur Österreich oder den Kulturrat. In anderen Ländern gibt es freie Zusammenschlüsse von Kulturproduzenten, die sich, etwa in Frankreich, sogar zu politischen Bewegungen entwickelt haben. Im Übrigen denke ich, dass man sich endlich von der Idee einer aus sich selbst schöpfenden Schaffensrealität verabschieden sollte, die die Vorstellungen von Kreativität von der griechischen Metaphysik über die christliche Theologie bis hin zur modernen Geniekunst prägte – und die in den kreativen Selbstunternehmern von heute vielleicht nur ihre jüngste Abwandlung erfährt. Kreativität kennt nicht nur soziale Voraussetzungen. Sie kann auch ein Handeln bedeuten, das neue soziale Möglichkeitsspielräume erschließt.


Der Einzelne ist "mehr" als bloß Künstler und soll das auch so wahrnehmen?

Genau. In ihrem Buch "Ein Zimmer für sich allein" schreibt Virgina Woolf 1928, dass eine Frau Geld und eigenes Zimmer haben muss, um schreiben zu können. Damit klagt sie diskriminierende Verhältnisse an, die bestimmten Tätigkeiten - hier eindeutig eine "kreative" Tätigkeit - einen bestimmten Subjekttypus zuordnen, z. B. Schreiben als Männerangelegenheit definieren. Diese Art von Problemen kennen wir in der einen oder anderen Form auch heute noch. Und nicht von ungefähr wurde der Satz Virginia Woolfs erst vor wenigen Jahren in einem Text von politisierten Kulturproduzenten zur Frage der Künstlersozialversicherung in Frankreich aufgegriffen. Wie die US- amerikanische Konzeptkünstlerin Adrian Piper einmal pointiert bemerkt hat, gibt es keinerlei zwingende Notwendigkeit, sich der Aufgabe der politischen Selbstanalyse zu entziehen.


Während wir hier plaudern, hat Helmut Lang - früher gefeierter Modedesigner und nun Bildender Künstler - in diesem Sommer in den Hamptons in einer Galerie Kunstwerke gezeigt, für die er 6.000 Stücke seines Kleider-Archivs zu Baumstämmen ähnlichen Skulpturen transformiert hat. Einige wurden an Museen verschenkt, andere wurden bei dieser Gelegenheit veräußert. Wie mutet Ihnen das an?

Es gibt bemerkenswerte Beispiele dafür, wie jemand auf die eigenen Werke zurückblicken kann, um sich zu fragen "Was habe ich eigentlich gemacht?" und "Was waren die Effekte?". So etwa Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem letzten Buch "Was ist Philosophie?" oder auch Paul Valéry, auf den ich in meinem Text zur Kreaktivität eingehe: im einen Fall eine philosophische, im anderen eine literarische Selbstbefragung, die sich beide mit je spezifischen Schaffensprozessen auseinandersetzen. Bei Helmut Lang scheinen mir die Dinge indessen etwas anders zu liegen: Geht es hier nicht vor allem darum, den eigenen "Aufstieg" vom Modedesigner zum "echten" Künstler zu zelebrieren, und das mit einer auftrumpfenden Geste, die die alten Materialien in Stücke reißt? Damit werden, scheint mir, ziemlich arglos Hierarchien zwischen unterschiedlichen Kreativitätsgenres reproduziert. Interessanter wäre es heute, diese Genres sowie ihre ökonomische und symbolische Neuanordnung ernsthaft zu befragen – anstatt einer individuellen Selbstinszenierung dabei zusehen zu dürfen, wie es sie erfolgreich durchläuft.


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Buch-Cover:

Critique of Creativity Precarity, Subjectivity and Resistance in the ‘Creative Industries’ Gerald Raunig, Gene Ray and Ulf Wuggenig (eds) London: mayfly 2011, 234 pages


Stefan Nowotny lebt als Philosoph in Wien. 2005–2008 Mitwirkung an den Projekten transform und translate des eipcp, seit 2001 Forschungs- und Lehrtätigkeiten an Universitäten in Belgien, Deutschland und Österreich, daneben weitere Projektarbeiten und Kooperationen. Autor zahlreicher Aufsätze insbesondere zu philosophischen und politischen Themen, Koherausgeber mehrerer Sammelbände, Übersetzer aus dem Französischen und Englischen ins Deutsche sowie Koautor der Bände Instituierende Praxen. Bruchlinien der Institutionskritik (gem. mit G. Raunig, 2008) und Übersetzung: Das Versprechen eines Begriffs (gem. mit B. Buden, 2008). 2010–2012 arbeitet er v.a. an dem neuen eipcp-Forschungsprojekt „Europe as a Translational Space. The Politics of Heterolinguality".

Eipcp - Stefan Nowotny

Text: Rainer Hawlik
(Archiv 2011)

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