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Be Loved © Lidia Vevi

Fashion Tech: Neue Formen der Interaktion über (Sensoren in) Kleidung

Ricardo O’Nascimento arbeitet an Wearables, die neue Formen der Kommunikation und Interaktion abseits des Computer Screens ermöglichen. Er hat seinen Master in ‚Interface Cultures’ an der Kunstuniversität Linz absolviert. Seither hat er an zahlreichen Festivals, Ausstellungen und Projekten in Asien, Amerika und Europa teilgenommen. austrianfashion.net gab er Einblick in seine Arbeit und die Fashion Tech-Bewegung.

Wie bist du mit Mode in Kontakt gekommen?

Den Zugang zu Mode fand ich im Masterstudium ‚Human Computer Interaction’. Es war im Kurs ‚fashionable technology’, den Sabine Seymour (1)  leitete. Sie vermittelte mir die Techniken zur Verbindung von Elektronik und Stoffen. Später habe ich mit Modelabels wie Bless, Open Ceremony und Leandro Cano kollaboriert und Mode wurde Teil meiner Arbeit.

Und wie denkst du heute über Mode?

Ästhetik ist ein essenzieller Teil meiner Arbeit. Wenn man körperorientiert arbeitet, ist es notwendig, eine modische Perspektive zu entwickeln. In meiner künstlerischen Arbeit bin ich eher an High Fashion und konzeptionellen Stücken interessiert. In meiner technischen Arbeit möchte ich Alltagskleidung funktioneller gestalten, indem ich mit neuen Materialien und Techniken arbeite.

Welches sind die wichtigsten Plätze und Ereignisse im Feld von Mode und Technologie und warum?

Zu meinen bevorzugten Events zählt die ‚Wear it’ in Berlin, an der ich als Botschafter und Kurator mitwirke. Das Festival hat die richtige Balance von Industrie und Design und ein sehr gutes Line-up an Keynotes. Das ‚Look Forward Fashion Tech Festival’ in Paris ist ein guter Platz, um die Designs real zu sehen. Außerdem gibt es eine Konferenz, in der es nicht nur um Fashion Tech sondern auch um Retail-Praktiken geht. Die ‚SXSW’ in Austin hat einiges zu bieten, wenn man an Trends interessiert ist. Das jährlich in Moulins de Paillard abgehaltene ‚E-Textil Summer Camp’ gibt Einblick in den Herstellungsprozess. Es wird von Kobakabant (2) organisiert und ist wirklich gut gemacht.

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Wearable Facade © Amelie Petiot Das Kleidungsstück fängt die Farben und Formen der Architektur in der Umgebung mit Mikrokameras ein. Diese erscheinen übersetzt in computergenerierte Muster auf der LED-Oberfläche des Textils und auf der Oberfläche der reflektierten Gebäudefassade.

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Batuque © Tristan Copley Smith Batuque ist eine Performance, die vom afro-brasilianischen Glauben Candomblé inspiriert ist. Das Kleidungsstück verleiht dem Träger übersinnliche Wahrnehmung, indem es auf Umgebungsgeräusche mit Bewegungen und Vibrationen reagiert.


Welches sind die vielversprechendsten Technologien im Moment?

Es gibt noch einige technologische Hürden zu meistern. Eines der größten Probleme ist die Energiegewinnung und -speicherung. Jetzt haben die Wissenschafter an der Universität von Texas (Dallas) ein energiegewinnendes Garn auf Basis einer spiralförmigen Nano-Carbon-Röhre entwickelt. Das könnte eine Wende bedeuten. Sehr interessant finde ich auch die Nutzung biologischer und chemischer Prozesse in der Herstellung von intelligenter Kleidung. Es sind natürliche Prozesse, die eine symbiotische Beziehung zwischen Körper, Kleidung und Umgebung herstellen. Als solches können sie Elektronik ersetzen und erlauben einen respektvollen Umgang mit der Natur.

Amerikanische Museen haben 2016 vier Ausstellungen im Feld von Mode und Technologie präsentiert. Es scheint einen großen Hype zu geben. Wie ist die Situation in Europa?

Der Hype ist real und global, aber die Fashion Tech-Szenen unterscheiden sich. Die amerikanische Szene ist auf Gadgets und Plastik konzentriert und die europäische auf Kleidung und Stoffe. Auch gibt es in Europa mehr kritische Beiträge und nicht jeder möchte gleich ein Start-up gründen. Hier wie dort gibt es immer noch Hürden für die Kommerzialisierung von Fashion Tech-Objekten. Meiner Meinung nach ist die größte Hürde designspezifisch. Das Objekt muss den Konsumenten begehrlich erscheinen und sie müssen die Notwendigkeit für technologische Kleidung sehen. Das war bis jetzt noch nicht der Fall.

Modedesigner kreieren visuelle Effekte. Auch technologieaffine Modedesigner wie Iris van Herpen tun das. Es geht um Drama und Unterhaltung. Die Werke von van Herpen sind reine Kunstobjekte und werden in Museen ausgestellt. In einer Ära der Modedemokratie, der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung und der technischen Innovation zweifeln Kritiker an der Relevanz von ‚theatralischem Modedesign’ (3). Fashion Tech-Objekte scheinen also nicht die Lösung für das Dilemma der Modeindustrie zu sein. Kann die Kluft zwischen Kunst und Mode geschlossen werden?

Fashion Tech-Objekte werden vorwiegend wegen des Showeffekts kreiert. Meist sind es Unikate, die nur auf Blogs und in Internetvideos zu sehen sind. In der dramatischen Inszenierung bedienen sich die Start-ups einer bewährten Formel aus der Haute Couture – um Aufmerksamkeit auf eine Kollektion zu ziehen, die nicht den größten Umsatz bringt. Die Kluft zwischen Kunst und Mode ist nicht so groß. Auch Mode wird als Kunstobjekt gehandelt und in Galerien und Museen ausgestellt. Anders als die Haute Couture schafft Fashion Tech auch neue Nutzungs- und Interpretationsmöglichkeiten. Kleider mit integrierter Technologie können sich bewegen, die Farbe wechseln, Launen reflektieren ... und vermitteln so eine neue Art von Ausdruck. In Fashion Tech geht es neben Design auch um Funktion und die Funktion muss eine Bedeutung haben. Erst wenn sich diese Bedeutung erschließt, wird Fashion Tech mainstream werden.

Wearables operieren über Körperdaten, die leicht an Dritte gelangen können. Darin sieht man eine Gefährdung der Privatsphäre. Wie denkst du darüber?

Die Gefährdung der Privatsphäre ist ein Produkt der Digitalisierung. Mit Wearables werden Körperdaten verfügbar. Das hat der Diskussion neue Brisanz verliehen. Unklar ist, wem die Daten gehören und in wessen Hände sie gelangen. Ich fürchte, wir werden erst die Nutzungsbedingungen lesen müssen, bevor wir die Kleider anziehen können.


Interview: Hildegard Suntinger


Ricardo O’Nascimento (41) hat ursprünglich Politikwissenschaft studiert und in Brasilien bei NGOs für die Rechte der indigenen Bevölkerung gekämpft. Dabei entdeckt er seine Liebe zu deren Ästhetik und Kunst begann eine künstlerische Laufbahn in Erwägung zu ziehen. Als Musiker hatte er ein natürliches Interesse an elektronischen Geräten und so war die Basis für eine Ausbildung im Bereich interaktiver Kunst gegeben. Was ihn daran fasziniert, ist die Möglichkeit der Partizipation mit dem Kunstwerk. Heute arbeitet er in seinem Studio Popkalab in Rotterdam mit einem interdisziplinären Expertennetzwerk an elektronischen Textilien und reaktiven Kleidungsstücken für Unterhaltung und Lifestyle. Er hat bereits eine Reihe von Preisen gewonnen und ist Verfasser zahlreicher Publikationen.
Zum Zeitpunkt des Interviews ist Ricardo gemeinsam mit anderen Künstlern bei einem indigenen Stamm der Atayal in Taiwan. Das Volk hat eine große Webtradition. Die Künstler sind gekommen, um alte Webtechniken zu lernen und den Atayals neue Materialien und Technologien zu vermitteln. Ricardo verfolgt zusätzlich ein eigenes Projekt, in dem er das ‚Dou Yu’, ein traditionelles Atayal Kleidungsstück ‚hackt’. Es ist eine Art Tunika, die um den Körper gewickelt wird. Er integriert Touch-Sensoren in den Stoff. Bei Berührung ertönen aus den Sensoren alte Atayal-Lieder und -Geschichten. Das Objekt wird später in Taipei als Teil der ‚tribe against machine’-Ausstellung zu sehen.


Mehr über Ricardo O’Nascimento:
http://www.onascimento.com
http://www.popkalab.com

Quellen:

(1) Die Österreicherin Sabine Seymour unterrichtet an der ‚Parsons The New School’ in New York ‚Fashionable Technology’ und hat bereits mehrere Bücher zum Thema geschrieben. http://ww2.newschool.edu/parsons/faculty.aspx?id=4e7a-4d35-4e51-3d3d

(2) Kobakabant: Ein Kollektiv, das von Mika Satomi (JP) und Hannah Perner-Wilson (A) 2006 in Berlin gegründet wurde. http://www.kobakant.at

(3) Zitat zur Kritik an der Theatralik in der Modeindustrie: Some industry insiders predict „the demise of this exhausting and indulgent showcase of designer theatrics as its relevance in an era of fashion democracy, instant gratification and tech innovation“. https://www.theguardian.com/fashion/2015/sep/06/closed-world-of-fashion-calls-in-geeks)

Startbild: Be Loved © Lidia Vevi
Ein Projekt in Kollaboration mit Iria do Castelo. Das Stück besteht aus einem Zwillings-Wearable-Stück, dessen zwei Teile interagieren. Die Verbindung wird über die Zöpfe geschlossen und führt zu einer Audio-Performance mit einer komplexen Mischung von Angst- und Entspannungsgefühlen.



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