Fresko von Ambrogio Lorenzetti, Effetti del Buon Governo in città
Ambrogio Lorenzetti: Effetti del Buon Governo in città (Detail), 1339

Silke Birte Geppert: „Krisen können auch schöpferische Wendepunkte für die Mode sein.“

Jede Art von Krise kann auch sehr viel Positives hervorbringen. Das hat die Geschichte ausreichend gezeigt und das wird auch jetzt wieder spürbar und ist fast zu einer gesellschaftlichen Forderung geworden.

„Neuorientierung ist das aktuelle Credo und das betrifft auch die Mode“, sagt Universitätsdozentin Mag. Dr. Silke Birte Geppert vom Mozarteum in Salzburg. Sie ist Universitätslektorin für Mode-, Kostüm- und Kunstgeschichte am Mozarteum in Salzburg und freiberufliche Kuratorin für Mode. Bis 2019 war sie Kuratorin für Mode und Textil am Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien. Hier spricht sie in Teil zwei unseres Themenschwerpunkts Mode und Krise:

Portrait Silke Geppert

Portrait Silke Birte Geppert © Sergio Velasco

Es gibt wirtschaftliche und politische Krisen. Wobei die beiden Dinge auch oft zusammenfallen, zum Beispiel im Krieg. Aus der Perspektive Ihrer Forschung: Welche Arten von Krisen finden Sie am interessantesten – und warum?

Jede Art von Krise kann auch sehr viel Positives hervorbringen. Dazu lassen sich in der Modegeschichte viele Beispiele finden. In Europa war es etwa die Florentiner Mode des 14. Jahrhunderts nach der Schwarzen Pest oder die Sinnenlust nach dem 30-jährigen Krieg im Barock. Das betraf aber immer nur die wohlhabende Schicht der Bevölkerung. Ausgesprochen spannend finde ich die Auswirkungen, welche die Anfänge des 20. Jahrhunderts und der erste Weltkrieg auf die globale Mode gehabt haben. Insbesondere die weibliche Silhouette zeugt noch heute davon.

Damals kam es zu einer Bündelung von Innovationen – auf politischer, künstlerischer, wirtschaftlicher und technischer Ebene – aber auch in den Wissenschaften. Eric Kandel beschrieb diese Zeit sehr anschaulich in seinem Buch Das Zeitalter der Erkenntnis. Ich nenne nur ein paar Stichworte: Der Futurismus brachte farbenfreudige Kleidung auch für Männer. Diese blieb teilweise Utopie, wurde aber später wieder aufgenommen. Man denke an die russische Avantgarde der zwanziger Jahre, den amerikanischen College Stil, aber auch die Ansätze zeitgenössischer Modeschöpfer wie Jean Charles de Castelbajac und Walter van Beirendonck.

Die Frauenmode war von Materialknappheit geprägt und die Silhouette wurde schmaler  und zweckmäßiger. Noch entscheidender waren die Rocksäume, die verkürzt wurden. Die Frauen waren in einer Zeit des Mangels ins Berufsleben eingetreten und die verkürzten Säume lieferten ihnen die notwendige Bewegungsfreiheit.
Selbst in der Damenmode wurden militärische Elemente zitiert – und Funktionalität wurde ein enorm wichtiges Element in der Mode und ist es bis heute geblieben.
Das war ein radikaler Schnitt, den auch die 1930er-Jahre oder später etwa Kollektionen von Dior nicht mehr rückgängig machen konnten. Ausnahmen gibt es natürlich. Die Haute Couture ist bis heute völlig unbeeindruckt von Krisen oder Katastrophen und bestätigt immer wieder eine märchenhafte Luxuswelt. Ausnahmen gibt es natürlich. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Anfänge des 20. Jahrhunderts und der erste Weltkrieg die Frauenmode nachhaltig in eine sachlichere und vor allem selbstbestimmtere Formensprache geführt haben.

Dieses neue emanzipierte modische Selbstverständnis der Frauen findet sich auch in der Kunst der 1920er-Jahre wieder. Frauen adaptierten männliche Elemente aus den Uniformen in ihre Kleidung. Dieses sogenannte Crossdressing wurde zu einem wichtigen Aussagemodell von Vorreiterinnen wie Greta Garbo oder Tamara de Lempicka. Gleichzeitig war es ein entscheidender Schritt in die Moderne, die bahnbrechend für die globale Vielfalt in der Mode war. Ohne die Wendepunkte, die diese politischen Krisen gebracht haben, würden wir uns heute vielleicht ganz anders kleiden?

Was war die überraschendste Reaktion der Modeindustrie auf eine Krise?

Vielleicht der Vietnam Krieg und die Ölkrise, die in den 1970er Jahren den Öko-Chic gesellschaftsfähig machten. Eine Kleidung, die bewusst unmodisch, aber dafür betont politisch war. An den Stil dieser Wendepunkte knüpfte die Emanzipation der westlichen Frau im 20. Jahrhundert an. Auch das Männerbild wandelte sich – der Männertyp des Softie hat zu nachhaltiger Verunsicherung und schließlich zur Veränderung im Geschlechterverhältnis geführt. Das wirkte sich auch in der Bekleidung aus.
Gleichzeitig waren diese Wendepunkte auch die Anfänge einer Orientierungslosigkeit in der Mode, die bis heute anhält: Es gibt nicht mehr nur einen Trend, sondern unzählige.

Was war die erwartbarste Reaktion der Modeindustrie auf eine Krise?

Vielleicht die ligne Corolle nach dem zweiten Weltkrieg. Die Haute Couture reagierte auf die Grauen des Krieges mit gestalteten Märchenwelten. Sie verpackte die Frauen wieder in die Krinolinen des 19. Jahrhunderts und  huldigte mit den stoffgewordenen Träumen der modischen Sinnlichkeit. Eine Bewegung, die von der Wirtschaft gepusht wurde: Das Pariser Modesyndikat begann noch während des zweiten Weltkriegs Modehäuser wie Balmain oder Maison Dior zu unterstützen und weltweit zu platzieren.

Gibt es einen österreichischen Aspekt einer modischen Reaktion auf eine Krise, den Sie besonders interessant finden?

Österreich nimmt eine Sonderrolle in der Mode ein: Es hat eine wunderbare jahrhundertealte textile Tradition auf die es sehr stolz sein könnte. Im Textilsegment war und ist dieses Land zum Teil noch Weltmarktführer. Mittlerweile ist die Produktion jedoch weitgehend nach Asien abgewandert. Die COVID-19 Krise zeigte die Bedeutung der regionalen Produktion für die Versorgungssicherheit. Vielleicht führt das dazu, dass nun wieder auf alte regionale Traditionen zurückgegriffen wird. Beispiele zu lokal als das neue global gibt es bereits. Das Phänomen erinnert an die Wiener Werkstätte Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Entwürfe gerade weltweit wiederentdeckt werden. Neben diesen großen Traditionen sind in der österreichischen Mode die Innovationen zu vermissen – die gibt es kaum. Die bekanntesten österreichischen Designer – wie Rudi Gernreich, Helmut Lang, Carol Christian Poell – feierten ihre Erfolge im Ausland. Kennzeichnend für alle drei ist, dass sie herausragende Beiträge zu Krisen von Geschlechterrollen leisteten.

Wir haben schon wirtschaftliche und politische Krisen erlebt. Pandemien liegen - zumindest in der westlichen Welt - schon weiter zurück. Wenn Sie an vergangene Auswirkungen von Epidemien auf die Mode denken - wie könnte sich die COVID-19 Krise auf die Mode auswirken?

Der Schwarze Tod, eine der verheerendsten Pestepidemien im 14. Jahrhundert, brachte in Italien einen Lebenshunger hervor. Das zeigte sich unter anderem in einem modischen Selbstbewusstsein und luxuriösen Selbstrepräsentationen, von denen noch heute zahlreiche Zeugnisse sprechen. Ich denke zum Beispiel an die hochmodisch gekleidete Gruppe der tanzenden Frauen, die auf den Fresken von Ambrogio Lorenzetti auf dem bürgerlichen Rathaus von Siena abgebildet sind.

Lorenzetti-Ambrogio

Ambrogio Lorenzetti: Effetti del Buon Governo in città, 1338-1339

Auch Aids war eine große Pandemie und hat sich sehr stark auf die Mode ausgewirkt, das sollte man nicht vergessen. Viele Designer sind an Aids gestorben. Das war wie ein dräuendes Schwert in dieser Szene - wie überhaupt im ganzen kreativen Kosmos. Danach hat sich die Mode verändert. In den frühen 1990ern wurde das Thema der Vergänglichkeit opulent inszeniert - wie etwa bei Yves Saint Laurent oder Versace. Gleichzeitig gewann die Männermode an Bedeutung und wurde phantasievoller und prächtiger. Die Designer erlangten ein neues Selbstverständnis und gingen zu neuen Formen der Inszenierung über. Vivienne Westwood und Alexander McQueen bedienten sich politischer Narrative. 2009 gab es dezidiert auch ein coming-out durch die Mode. Ein Beispiel dafür war die Show Herbst/Winter 2009 von Michael Michalsky in der Zionskirche in Berlin. Rückblickend gesehen hat sich durch Aids sehr viel verändert.

Mitte März legte die COVID-19 die Modeindustrie schlagartig still. Der Shutdown reduzierte den Handlungsspielraum fast aller Modeakteure auf das Homeoffice. Fast sämtliche Orte und Räume, in denen Mode entsteht, sind verwehrt. Das ist sicher eine nachhaltige Krise – und ein Wendepunkt. Für Prognosen wie sich COVID-19 auf die Mode auswirken könnte, ist es noch zu früh. Wenn wir uns isolieren und uns nicht mehr im öffentlichen Raum bewegen, ist der Sinn von Mode in Frage gestellt. Aber aus dem Innehalten könnte ein neues Konsumverhalten entstehen. Ein Neuanfang und der Wille nach Veränderung und  sinnvolleren Rhythmen in der Mode werden bereits in vielen Foren diskutiert. Und die diesjährige große Modeausstellung des Metropolitan Museum of Art (MET) thematisiert diese Frage zu Mode und Zeit!

Was geht Ihnen noch durch den Kopf, wenn Sie an die Auswirkungen von Krisen auf die Mode denken?

Es gibt noch einige Aspekte über die es sich lohnt nachzudenken. Zum Beispiel die aktuelle Entwicklung hin zu Kunstpelz, die mit dem gesellschaftlichen Respekt und den Rechten von Tieren einhergeht. Interessant wäre auch ein Blick auf die Entwicklung der Mode in der ehemaligen DDR. Eine modehungrigere Gesellschaft, als eine die politisch von westlicher Mode ferngehalten werden sollte, kann man sich kaum vorstellen.
Kriege brachten ja immer eine Materialkrise mit sich. Ressourcen waren knapp, ähnlich wie bei den Schutzmasken derzeit. Wobei Not immer auch erfinderisch macht. Im zweiten Weltkrieg wurden zum Beispiel Schuhsohlen aus Kork hergestellt und Nahtstrümpfe mit Make-up und aufgemalten Nähten vorgetäuscht.

Das Interview führte Hildegard Suntinger (25.07.2020)


In Teil eins unseres Themenschwerpunkts Mode und Krise sprach Mag. Michaela Lindinger, Museumskuratorin am Wien Museum. Das Interview finden Sie hier.

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