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© Dominique Lafond, Ying Gao No Where Now here

Die Zukunft der Mode

Der US-Kunstbetrieb hat in ‚Mode und Technologie’ ein publikumswirksames Thema gefunden. Die spektakulären Objekte vermitteln das Gefühl, dass die Zukunft der Mode nahe ist. In Europa ist die Euphorie noch nicht angekommen.

Als der Kurator Ron Labaco 2013 die Ausstellung ‚Out of Hand: Materializing the Postdigital’, für das Museum of Arts and Design (MAD) in New York organisierte, nahm er auch ein paar digital produzierte Modeobjekte auf. Darunter ein 3D-gedrucktes Kleid für Dita von Teese aus dem New Yorker Studio Franco Bitonti. Damals sagte der Direktor eines europäischen Modemuseums, dass die Fortschritte in der digitalen Modeproduktion nicht dazu angetan seien, auch nur ein Kapitel im Katalog zu füllen. Für das MAD sollte es die erfolgreichste Ausstellung innerhalb von vier Jahren werden. Die Modeexponate zogen ein Publikum an, das sonst nicht gekommen wäre. Im Frühjahr 2016 liefen gleich vier Ausstellungen zum Thema Mode und Technologie. Das Publikumsinteresse war wieder enorm. Dazu Andrew Bolton, der die Ausstellung ‚Manus x Machina’ am MET organisierte:  

Mode ist eine so demokratische Kunstform. Sie zieht so viel Publikum an, weil man sich unmittelbar auf sie beziehen kann.“ (Hilarie M. Sheetsmarch (14, 2016): When fashion meets technology, you can wear your tweets. In: www.nytimes.com)


Zukunftslabor

Mit Wearables, Digitalprint, Lasercut und 3D-Druck waren die Ausstellungen in USA auf den designrelevanten Part von Mode und Technologie konzentriert. Im Unterschied dazu zielt die Robotik auf die Automatisierung von konventionellen Verarbeitungsmethoden wie Nähen zu ab - um den Sweatshop der Vergangenheit angehören zu lassen und die Produktion wieder in die lokalen Märkte zurückzuholen. Die designrelevanten Technologie-Anwendungen hingegen gelten als die Zukunftslabors der Haute Couture. Folgend kurze Begriffserklärungen:

Bei Wearables sind die Technologien vielfältig und ermöglichen verschiedenste Designs. Ziel ist es, Kleidungsstücke in Kontakt mit dem Träger und/oder seiner Umgebung treten zu lassen. Die interaktiven Technologien lassen Kleidungsstücke zu technischen Geräten oder auch zur Projektionsfläche von Stimmungen werden. Cute Circuit in London gilt als das erste Couture Label, das sich 2004 im Bereich der Wearables positionierte.

Digitalprint bietet die Möglichkeit des platzierten Drucks, d.h. Motive können effektvoll in das Schnittmuster einbezogen werden. Zu den Digitalprint-Pionieren zählen Mary Katrantzou und Alexander McQueen. 

Lasercut findet bereits auf breiter Ebene Anwendung. Das Schneiden via Laser ist im Fall des CO2-Lasers ein Schmelzen, Brennen oder Dampfen und hat den Zusatzeffekt nicht fransender Kanten. Eine Versäuberung via Naht erübrigt sich. Als schonendes Zuschnittverfahren eignet sich Lasercut auch für luxuriöse Stoffe wie Seide. Neben dem Zuschnitt wird die Technologie auch für die Erzeugung spitzenähnlicher Effekte verwendet.  

Bei 3D-Druck sind es vor allem neue Materialien und Herstellungstechniken, die eine gänzlich neue Planung erfordern. Charakteristisch ist die digitale 3D-Konstruktion, die auf architektonischen Prinzipien beruht und vollkommen neue Designs ermöglicht. Spannend an 3D-Druck ist auch der nachhaltige Aspekt, der zum einen durch die Verwendung von recyclefähigen Materialien entsteht und zum anderen durch die lokale on-demand-Produktion. Transportwege und Überproduktion können vermieden werden.  

Iris van Herpen war 2010 die erste, die eine 3D-gedruckte Haute Couture Kollektion über den Laufsteg schickte. Die Kollektion lief unter dem Titel ‚Cristallization’ und war aus Polyamid gedruckt. Um neue Materialien zu erschließen und radikale Silhouetten zu erreichen, verwendet sie aber auch Technologien wie Lasercut, digitales Stricken und Weben. Dass auch traditionelle händische Prozesse involviert sind, zeigt  sich erst bei näherem Hinsehen. Viele ihrer Modelle sind bereits in Sammlungen von Museen eingegangen. 2016 war ihr im High Museum in Atlanta die erste Einzelausstellung in den USA gewidmet. Der Titel: ‚Transforming Fashion’

© photo: Michael Zoeter; Iris van Herpen - Bio-Piracy-Dress; & Julia Koerner & Materialise Photography

© photo: Michael Zoeter; Iris van Herpen - Bio-Piracy-Dress; & Julia Koerner & Materialise Photography

Wearables: Das Kleidungsstück als technisches Gerät

Die Objekte der Ausstellung ‚Coded Couture’ in der Pratt Manhattan Gallery New York: waren ausgesprochen futuristisch – und reflektierten die Kunstszene, die sich seit Anbruch des neuen Jahrtausends im Bereich der fashionable Wearables formiert hat. Einend war die Idee der Personalisierung via Codierung. Die in London lebende Melissa Coleman etwa nutzte für ihr ‚Holy Dress’ Lügendetektoren und Spracherkennungssensoren, um Unehrlichkeit aufzudecken. Die Unehrlichkeit der Trägerin des Kleides genauso wie jene von Personen aus der Umgebung. Das Kleid reagiert auf Sprechakte mit einem Funkeln und entwickelt ein fortwährendes Licht, wenn unwahr gesprochen wird. Das Modell ‚No where/Now here’ der kanadischen Designerin Ying Gao reagiert auf Blicke mit sich windenden und aufleuchtenden Stofffragmenten. Technologische Basis sind photolumineszente Fäden und Blickerfassungstechnologie. Die Londoner Designerin Amy Congdon nutzt Biotechnologie. Sie arbeitet mit tintenstrahlgedruckten Modellen von technisch verändertem Gewebe, um zu zeigen wie Schmuck aus Körperzellen angebaut werden könnte.

Hussein Chalayan Remote Control Dress SS 07

© Hussein Chalayan Remote Control Dress SS 07 courtesy Hussein Chalayan

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© Dominique Lafond, Ying Gao No Where Now here

Wechselwirkung von Design und Technologie

Die Ausstellung ,#techstyle' im Boston Museum of Fine Arts zeigte wie digitale Technologie den Designprozess und den Umgang mit Kleidung verändern kann. Zentral waren Keypieces von innovativen Designern wie Alexander McQueen, Issey Myake und Rei Kawakubo (Comme des Garçons). Alexander McQueens Plato Atlantis Kollektion (Frühjahr/Sommer 2010) zeigte das künstlerische Potenzial von platziertem Digitaldruck. Der Livestream der Show verursachte 2009 einen Server-Crash. In #techstyle wurden ein Schlangenprint in einer effektvollen Visualisierung von Nick Knight gefeatured. Legendär: Hussein Chalayans ‚Remote Control Dress’, das seine Form ferngesteuert verändern kann. Rei Kawakubos zweidimensional wirkende Kollektion aus Herbst/Winter 2012 war ein Kommentar zur digitalen Präsentation von Haute Couture. Zitat:  „Two dimensions are the future“. Wenn es zu 3D-Druck kommt, sind es klar Künstler, die die Pionierarbeit leisten. Neben Haute Couture-Kreationen von Iris van Herpen wurden auch alltagstaugliche Versionen gezeigt. Darunter ‚Kinematic Dress’ von Nervous System, ein Designduo, das Wissen aus Mathematik, Architektur und Biologie anwendet. Die Amerikaner Jessica Rosenkrantz und Jesse Louis –Rosenberg entwickelten das erste 3D-gedruckte Kleid 2013 – basierend auf lasergesintertem Nylon. Lasersintern bezeichnet den schichtweisen Aufbau eines Objektes aus einem pulverförmigen Ausgangsstoff. Für die Ausstellung ,#techstyle' entwickelte Nervous System das ‚Kinematic Petal Dress’. Von Blütenblättern und Federn inspiriert, sind dessen einzelne Teile schuppenartig angeordnet. Das Kleid kann via 3D-Scan auf die Körpermaße des Trägers adaptiert werden. Variabel sind auch Länge, Form und Richtung des Kleids. Bestehend aus 1600 einzelnen Teilen, die durch mehr als 2600 Gelenke verbunden sind, kommt ‚Kinematic Petal Dress’ ready-to-wear aus dem 3D-Printer. 

Kinematic Dress Nervous System

© Nervous System, INC.; Kinematic Dress Nervous System; The Kinematics Dress is included in the permanent collections of the Museum of Modern Art (New York, NY), the Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum (New York, NY), the Museum of Fine Arts Boston (Boston, MA) and the Museum of Applied Arts and Sciences (Sydney, Australia).; https://n-e-r-v-o-u-s.com/projects/sets/kinematics-dress/

Verteidigung der Maschinenfertigung

Die Ausstellung ‚Manus x Machina: Fashion in an Age of Technology’ am Metropolitan Museum (MET) in New York zeigte 170 Haute Couture- und Prêt-à-Porter-Modelle aus der Zeit von 1880 bis 2015. Es war eine historische Retrospektive, in der Hand- und Maschinenarbeit als gleichwertige Aktionen im Designprozess gehandhabt wurden. Für den Kurator Andrew Bolton ist es eine Verteidigung der Maschinenarbeit, die gewöhnlich mit Mittelmäßigkeit assoziiert wird, während Handarbeit mit Luxus und Individualität gleichgesetzt wird. Er meint, dass diese Assoziationen in einer Zeit, in der Designer beide Techniken nutzen, nicht mehr angemessen sind. Als Beispiel führt er Iris van Herpens Designs an, die aussehen, als seien sie gänzlich maschinengemacht. Tatsächlich seien sie oft zu 70 bis 90 Prozent handgefertigt. (Hilarie M. Sheetsmarch (14, 2016): When fashion meets technology, you can wear your tweets. In: www.nytimes.com) Um die Konfluenz von Hand- und Maschinenarbeit aufzuzeigen, analysierte er die Produktionsschritte von einer Reihe von Modellen.  

Gallery views of The Costume Institute's spring 2016 exhibition, Manus x Machina: Fashion in an Age of Technology, narrated by exhibition curator Andrew Bolton. The Costume Institute's spring 2016 exhibition, presented in the Museum's Robert Lehman Wing, explores how fashion designers are reconciling the handmade and the machine-made in the creation of haute couture and avant-garde ready-to-wear. #ManusxMachina Video Footage Excerpt from ONE LOOK (2015), presented by VisionaireFILM, directed by Stylianos Pangalos, produced by Cecilia Dean and James Kaliardos Excerpt from Making of the CHANEL Fall-Winter 2015/16 Haute Couture Collection, © CHANEL Excerpt from A new design by Iris Van Herpen, © Centraal Museum Utrecht/Wendy van Wilgenburg. Special thanks to Iris van Herpen and Materialise.Production Credits Director: Christopher Noey Producer: Kate Farrell Video Editor: Stephanie Wuertz Jib and Camera Operator: Kelly Richardson Lighting Designer: Ned Hallick Gaffers: Foster McLaughlin Production Coordinator: Lisa Rifkind Production Assistants: Dia Felix, Sarah Cowan © 2016 The Metropolitan Museum of Art

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