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Janmohamed, S. (2016): Generation M - Young Muslims are changing the World. IB Taurus.

Generation M: Moderner Lebensstil und Glaube sind vereinbar

Die sozialen Medien haben die junge muslimische Generation sichtbarer gemacht. Auf Instagram geben weibliche muslimische Influencer Mode-, Schmink- und Reisetipps und haben hunderttausende Follower. Sie unterscheiden sich unwesentlich von ihren westlichen Alterskohorten und bringen die westlichen Klischées ins Wanken. 

Shelina Janmohamed ist als Tochter muslimischer Einwanderer in London geboren und aufgewachsen. In ihrem Buch ‚Generation M - Young Muslims are changing the World’ (1), schreibt sie über den Paradigmenwechsel in der jungen muslimischen Generation Muslime, die den westlichen Lebensstil adaptiert. Eine ihrer zentralen Thesen ist, dass sie stolz sind auf ihren Glauben und denken, dass Glaube und ein moderner Lebensstil vereinbar ist. Janmohamed ist Vize-Direktorin von Ogilvy Noor, einer Markenagentur, die dem muslimischen Markt gewidmet ist. Mit Generation M benennt sie die muslimischen Millennials, das sind die zwischen 1982 und 2000 Geborenen. Millennials repräsentieren die erste Generation, die mit dem Internet sozialisiert wurde und unterscheiden sich in ihrem Verhalten radikal von jenem der Generationen zuvor. Wissenschaftler sehen die Ursache im Einfluss durch das Internet. 

In den wesentlichen Merkmalen gehen die muslimischen Millennials mit ihren westlichen Alterskohorten konform. Sie sind gebildet, technologie-affin und gesundheitsbewusst. Auch Ethik ist ihnen wichtig. Sie fordern einen respektvollen Umgang mit natürlichen und menschlichen Ressourcen. Wie die Autorin erklärt, folgen sie in ihrer Präferenz für Nachhaltigkeit und Erneuerbarkeit der islamischen Idee des "Stewardship of the Earth". Spezifisch an den jungen Muslimen sei deren Prägung durch die politischen Ereignisse seit 9/11 sowie die globale Reaktion auf den islamischen Extremismus und Terrorismus. 


Demokratisierung über das Internet

Lt. Janmohamed tragen die jungen Frauen den Hijab gerne und sind frustriert über eine westliche Gesellschaft, die sie auf den Hijab reduzieren will und ihnen sagt, dass sie in ihrem Glauben unterdrückt werden. Auch in eigenen Beobachtungen habe sich keine Unterdrückung, sondern eine zunehmende Selbstbestimmung gezeigt – in der Erziehung, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Leben, in der Ehe und als Mutter, so die Autorin. 

Janmohameds Hang zu generalisieren mag ihrer Trendorientierung geschuldet sein; aber auch der Tatsache, dass Anhänger des muslimischen Glaubens in verschiedenen Weltregionen leben und religiöse Prinzipien und politische Einflüsse national differieren. Im Zusammenhang mit der Prägung durch 9/11 wendet die Autorin ein, dass nicht alle jungen Muslime die von ihr beschriebene Weltoffenheit aufweisen und dass es nach wie vor orthodoxe Tendenzen gebe. Auch das von ihr beschriebene Bekenntnis zum Hijab ist zu relativieren. 

In Teheran, wo die Frauen 1979 gegen die Einführung der ‚Zwangsverschleierung’ auf die Straße gingen, sind die Proteste gegen die Kopftuchpflicht erst kürzlich wieder heftig entflammt. Unter den Hashtags #GirlsOfRevolutionSt #NoToForcedHijab oder ‪#ForcedHijab‬ erreichen den Westen über  den Kurznachrichtendienst Twitter eindrucksvolle Bilder von Protesten in denen Frauen ihre Kopftücher abnehmen und auf hölzernen Stöcken schwingen.  

Der aktuelle Paradigmenwechsel in der jungen muslimischen Bevölkerung ist wesentlich vom Internet unterstützt. Lt. Janmohamed ermöglicht das world wide web den Zusammenhalt der Generation und schafft eine kritische Masse, die sie global einflussreich macht. Auch habe das Internet marginalisierten Stimmen innerhalb der Gemeinschaft – jüngeren Muslimen und Frauen – Raum zur Meinungsäußerung gegeben. 

Eine der jungen Musliminnen auf Instagram ist die 20-jährige in USA lebende Somalierin Halima Aden. Sie zeigt sich mit Lippenstift und High Heels und wechselt zwischen Hijab, Beanie und anderen haarverhüllenden Kopfbedeckungen. Privat trägt sie den Hijab freiwillig (2). Bekanntheit erlangte sie im Herbst 2016 als sie mit Hijab und Burkini zur Wahl der Miss Minnesota antrat. Das hatte vor ihr noch keine gemacht. Die Resonanz war enorm. Halima kam ins Semifinale und wurde von der Agentur IMG Models entdeckt. Die junge Frau genießt die Aufmerksamkeit und nutzt sie auch für politisches Engagement. 


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Mode als Ausdruck der Emanzipation

Die muslimischen Millennials sind nicht nur wegen ihrer radikal anderen Konsumeinstellung bedeutend, sondern auch wegen ihrer großen Zahl. Lt. Ogilvy Noor sind zwei Drittel der Muslime unter 30 Jahren – das sind eine Milliarde Menschen und mehr als 14% der Weltbevölkerung. Die Agentur sieht im muslimischen Konsummarkt die nächste noch weitgehend ungenutzte Chance. Diese Prognose betrifft auch die westliche Modeindustrie. Laut Thomson Reuters Global Economy Report (2017/18) gab die weltweit 1,6 Mrd. umfassende muslimische Population 2016 254 Mrd. Dollar für Schuhe und Kleidung aus – bis 2022 sollen es 373 Milliarden sein.

Wegbereiter war die Pariser Haute Couture, die schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jhs Musliminnen zu ihren Kundinnen zählt und ihre Designs an regionale und religiöse Traditionen anpasst. Im Schatten der westlichen Mode entwickelte sich in den 1990er Jahren die sogenannte Modest Fashion, die vor allem muslimisch-, aber auch jüdisch- und christlich-orthodoxe Frauen adressiert und entwickelte sich aus der Nische zu einem weltweiten Phänomen. 2014 wurde mit dem Islamic Fashion and Design Council (IFDC) eine internationale Plattform geschaffen. Die Gründerin und Vorsitzende des Konzils, Alia Khan, schreibt in einer aktuellen Pressemitteilung, dass Modest Fashion bzw.  Sittsamkeit nicht nur ein temporäres Phänomen sei sondern immer schon und in allen Kulturen und Glaubensgemeinschaften ein Lebensstil für viele Menschen gewesen. Lt. Khan ist die globale Modest Fashion Industrie 322 Mrd. Dollar wert. 

Den Grad der Annäherung an die westliche Mode zeigt der 2017 in Dubai gegründete Webshop The Modist, der die Luxusklientel adressiert. Im Sortiment sind Labels wie Missoni, Haider Ackermann und Ganni. Auch Modelle der österreichischen Designer Petar Petrov und Peter Pilotto sind zu finden. Gründerin und Geschäftsführerin Ghizlan Guenez sagt in einem Interview mit dem New Yorker Online-Medium refinery29, dass viele Marken und Marketingverantwortliche denken, ein sittsamer Kleidungsstil dürfe nicht modisch sein und das schränke die Optionen der Kundinnen ein. Mit ihrem Angebot möchte sie vorgefasste Vorstellungen auflösen und die Wahrnehmung verändern (3). 

Eine einheitliche  Definition für Modest Fashion gibt es nicht. Die Auffassung von sittsamer Kleidung variiert. Anhänger von Glaubensrichtungen leben in verschiedenen Weltregionen und die Kleiderordnung ist nicht nur von religiösen Prinzipien sondern auch von lokalen Bräuchen und Traditionen sowie globalen Modetrends beeinflusst (4). Ganz allgemein ist mit Modest Fashion körperbedeckende Kleidung gemeint, die weder eng noch transparent ist. 


Kritik aus der westlichen Politik

In der westlichen Modeindustrie waren es zuletzt Designer wie Donna Karan (2014), Tommy Hilfiger (2015) und Dolce & Gabbana (2016), die eigene Kollektionen für Ramadan und Eid launchten. Anders als in der islamischen Modeindustrie sprechen westliche Designer von Halal-Couture. Halal bedeutet soviel wie im religiösen Sinn rein oder erlaubt. Auch die Diskonter haben das Potenzial der Zielgruppe erkannt. H&M zeigte 2015 in seiner ‚Close the Loop’-Kampagne ein hijabtragendes muslimisches Model. Der Medienspektakel, den die damals 23-jährige Mariah Idrissi verursachte, machte den Grad der Marginalisierung der Muslime in der westlichen Mode offenbar. 

Die Zahl der Designhäuser, die sich offen zur Konsumentengruppe bekennen, ist nach wie vor überschaubar. Halima Aden, das hijabtragende Model lief Im Februar 2017 für Yeezy in New York sowie Max Mara und Alberta Ferretti in Mailand. Ian Griffith, Kreativdirektor von Max Mara, sah darin eine Reflexion der Realität im Straßenbild (2).

Auf politischer Ebene stößt die Öffnung der westlichen Modeindustrie für den muslimischen Bekleidungsstil auf Kritik. In einem Online-Kommentar der Zeit5 zum Launch von Burkinis bei Marks & Spencer im Frühjahr 2016, wird die damalige französische Frauenministerin Laurence Rossignol zitiert. Sie sah darin eine Gefährdung der Selbstbestimmung der Frau und verurteilte die britische Kaufhauskette wegen ihres Investments in den islamischen Bekleidungsmarkt. Das Unternehmen drücke sich vor seiner Verantwortung und fördere die gesellschaftliche Kontrolle über den weiblichen Körper, so die Ministerin (5).

Die 20-jährige Azra, die Janmohamed in ihrem Buch zitiert, sieht die Dinge anders: “I’m a young Muslim woman. I am not oppressed by my hijab, I’m liberated by it. If you don’t understand that, that’s com__pletely fine, you don’t need to … The emotion you’re seeing in my eyes is not a plea to ‘help me’ but one for you to take your self-righteous bullshit and shove it up your arse.”




Text: Hildegard Suntinger

Weiterer Artikel: Modest Modedesign in Wien


Quellen: 
(1 )Janmohamed, S. (2016): Generation M - Young Muslims are changing the World. IB Taurus.
(2) Camhi, Leslie (2017): Model Halima Aden Is Redefining the Idea of Modest Style on the Runway. Abgerufen am: 6. Juni 2018.
(3) Colo, Ana (2017): This Online Store Is A First For Modest Shoppers. Abgerufen am 7. Juni 2018.
(4) De Young Museum (2018): Contemporary Muslim Fashions. Abgerufen am 6. Juni 2018.
(5) Weihser, Rabea (2016): Burkini: Wo die Freiheit baden geht. Abgerufen am 13. Juni 2018.


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Dian Pelangi (Indonesian, b. 1991) for New York Fashion Week, 2017, Ensemble: Cap, Headscarf, Top, Jacket, Skirt and Pants, 2017, Thai silk, batik Thai silk with songket (supplementary-weft patterning), striped silk (Tenun Salur), wood beaded appliqué. Courtesy of the artist. Image courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Buch-/Ausstellungs-Tipp:

Buch

Contemporary Muslim Fashions
Erscheinungsdatum: 10.09.2018
D’Alessandro J./Lewis, R. (2018): Contemporary Muslim Fashions. Verlagsgruppe Random House Bertelsmann. 
Eine Gesamtschau über zeitgenössische muslimische Mode. Anhand von historischem Material wird untersucht, wie muslimische Stilkulturen durch globale Trends und religiöse Überzeugungen geformt werden. Zeitgenössische Phänomene werden von führenden Stimmen aus der Modewelt kommentiert. 

Ausstellung

22. September 2018 bis 9. Jänner 2019
Contemporary Muslim Fashions
De Young Museum, San Francisco

5. April - 1. September 2019
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17 
60594 Frankfurt

Die Ausstellung zeigt die Entwicklung muslimischer Frauen zu Stilikonen. Verschiedene religiöse Interpretationen und Kulturen werden thematisiert. Das Spektrum führt von High Fashion westlicher und muslimischer Designer über Streetwear bis hin zu Sportbekleidung wie den Burkini.


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