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Fred Adlmüller mit Mannequin, Assistentinnen und Studierenden in der Meisterklasse für Mode an der Angewandten, um 1977 © Kostüm- und Modesammlung der Universität für angewandte Kunst

Wiener Couture

Am 16. März jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Fred Adlmüller, dem vor genau zwei Jahrzehnten verstorbenen Grand Seigneur einer Wiener Couture-Tradition. Zu diesem Doppeljubiläum richtet die Universität für Angewandte Kunst unter der Ägide ihrer Kostüm- und Modesammlung die Ausstellung "W. F. Adlmüller. Mode – Inszenierungen + Impulse" aus. Der Begleitpublikation mit gleichem Titel, herausgegeben von Gerald Bast und Elisabeth Frottier, ist fraglos der Rang einer "gültigen" Adlmüller-Schrift beizumessen. Nahezu sechs Jahrzehnte Wirken eines bedeutsamen Couturiers, der die weite Welt nach Wien zu locken wusste, werden beleuchtet.

"In meinem Leben stand an erster Stelle die Mode, dann kam wieder die Mode und dann nochmals die Mode," brachte Adlmüller rückblickend seine Karriere auf den Punkt. Wenngleich sein Name heute in den Gazetten als Ausstatter der Opernball- und Festspieldiven nicht mehr allgegenwärtig ist, bleibt der "Modezar" (wie er häufig genannt wurde) doch vielen ein Begriff. Dies ist nicht zuletzt seinem Facettenreichtum geschuldet. Elisabeth Frottier, Leiterin der Kostüm- und Modesammlung an der Angewandten, skizziert im persönlichen Gespräch ihre Wahrnehmung der Vielgestaltigkeit Adlmüllers und seiner Nachwirkung: "Meine Idee war es, Adlmüller in drei Aspekten zu würdigen: einerseits als Modeschöpfer mit einem international bekannten Salon an der Kärntner Straße, andererseits in seiner Zeit als Professor und darüber hinaus als Mäzen, der die Adlmüller-Stiftung ins Leben gerufen hat."

Damit ist das Programm umrissen, welches zwischen dem fast sechs Jahrzehnte währenden Schaffen Adlmüllers und der aktuellen Wiener Modeszene einen beachtlichen Spagat schafft. So wurden sämtliche PreisträgerInnen des seit 1993 vergebenen Adlmüller-Stipendiums aus dem Bereich Mode eingeladen, sich an der Ausstellung zu beteiligen. Das Ergebnis ist ein Reigen "angewandter Talente", in den sich unter anderem Susanne Bisovsky, Helga Schania (Wendy Jim), Filip Fiska (Hartmann Nordenholz), Christiane Gruber (Awareness & Consciousness), Ute Ploier, Markus Hausleitner (House of the Very Island's...) und Isabelle Steger reihen. Beweis dafür – als ob es nötig wäre -, dass die von Adlmüller ins Leben gerufene Stiftung von unausgesetzter Bedeutung für aufstrebenden Modenachwuchs ist.

Der Aspekt des Mäzenats ist aufgrund der engen Beziehung Adlmüllers zur Hochschule (heute Universität) für Angewandte Kunst aufs engste verschränkt mit seiner eigenen Unterrichtstätigkeit. Von 1973 bis 1979 stand Adlmüller der Modeklasse vor, und zwar am Ende einer langen Reihe von "hauseigenen" ordentlichen ProfessorInnen, die von wechselnden GastprofessorInnen abgelöst wurden (1980 übernahm als erster der fahrenden ModeexpertInnen Karl Lagerfeld das Ruder). In die Annalen der Hochschule ging eine 1977 in der Säulenhalle des MAK ausgerichtete Modenschau ein, die für einiges an Aufsehen sorgte. Glücklicherweise haben sich 35 Modelle von damals erhalten, welche anlässlich der aktuellen Ausstellung in den Besitz der Mode- und Kostümsammlung übergingen.

Eine Inszenierung wie das große Uni-Défilé war übrigens auch jede der Hausmodenschauen in Adlmüllers Salon. Als perfekter Gastgeber kümmerte er sich um alle Details, zeichnete für die gesamte Corporate Identity verantwortlich und entwarf eine ausgeklügelte Sitzordnung für seine Gäste. Es ist müßig zu fragen, ob Adlmüller mit heutigen Society-Schneidern im Dienste der Seitenblicke-Prominenz zu vergleichen sei. Sowohl seine lange Erfahrung wie auch seine Anbindung an einen internationalen Film-, Theater-, Adels- und Opern-Jetset garantierten ihm eine Ausnahmestellung. Entscheidend war hier fraglos seine Tätigkeit als Ausstatter zahlreicher Film- und Theaterproduktionen: ein Aspekt, der in der Ausstellung aus Platzmangel nicht vertreten ist, doch von Annemarie Bönsch in einem Katalogbeitrag besprochen wird.

Von allergrößter Bedeutung ist ein weiterer Katalogbeitrag, verfasst von der Historikerin Gloria Sultano, in welchem die Umstände der Arisierung und Restituierung des Salons Tailors, Stone & Blyth beleuchtet werden: 1931 trat Adlmüller, übrigens gebürtiger Bayer, in den anerkannten Betrieb des aus Galizien stammenden Juden Ignaz Sass und seiner Frau Stefanie ein. Nach Emigration der BesitzerInnen und Arisierung des Salnos führte Adlmüller zwar die Geschäfte weiter, trat nach Kriegsende aber sofort mit dem Ehepaar Sass in Kontakt. Auch bemühte er sich um eine korrekte und rasche Abwicklung des Rückstellungsverfahrens. Erst später und nach Ausscheiden des nach Wien zurückgekehrten, kinderlosen Ehepaares ging der Salon in den Besitz von Fred Adlmüller über und entwickelte sich von der international ausgerichteten Boutique, in der in erster Linie Fremdkreationen verkauft wurden, zur Zentrale eines renommierten Couture-Betriebs.

Als Designer des Vertrauens für eine glamouröse Kundinnenschar initiierte Adlmüller 1984 übrigens den in der Hofburg veranstalteten Modeball: "Seine Idee war es, jedes Jahr einen Modeball zu veranstalten – vielleicht schon eine Initiative in Richtung Lifeball", weiß Elisabeth Frottier. Gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass Adlmüller keine Berührungsängste mit einer jungen, durchaus wilden (Mode)Szene hatte. In den 1980er Jahren traf sich diese im Umkreis der legendären Diskothek U4 im Rahmen der sogenannten U-Mode: Als Plattform jenseits des Konventionellen versammelte sie eine Schar waghalsiger Talente und engagierter KuratorInnen. Der junge Mario Soldo und Elfriede Jelinek waren ebenso mit von der Partie wie Brigitte R. Winkler, Helmut Lang und eben Fred Adlmüller. Was schon insofern interessant ist, als die Veranstaltung damit gewissermaßen die Passage von der Adlmüller- zur Lang-Generation markiert. Und während der eine sich ab seiner ersten internationalen Show 1986 allmählich zu weltweitem Ruhm emporhantelte, konnte sich der andere immerhin des Titels eines Mode-Weltmeisters rühmen. Adlmüller gewann nämlich, und damals war das wohl ungleich den heutigen Weltausstellungen eine wahrlich glamouröse Veranstaltung, auf der Expo in Brüssel den Grand Prix für die beste Hostessenuniform. Unter seinen MitbewerberInnen fanden sich Christian Dior und Cristóbal Balenciaga. Das waren, ist man versucht zu sagen, noch Zeiten!


(Archiv 2009)

Ausstellung "W.F. Adlmüller.Mode-Inszenierungen+Impulse"  ( 13. März bis 30. April 2009)  Heiligenkreuzer Hof, 1010 Wien 

Der Katalog zur Ausstellung: W. F. Adlmüller. Mode - Inszenierungen + Impulse erschien im Springer Verlag.

(Archiv 2009)

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